Unsere Pfarrkirche St. Oliver

Pfarrkirche St. Oliver Außenansicht

Vor 30 Jahren wurde die St.-Oliver-Kirche geweiht
Am Anfang stand ein Brückenschlag in die Vergangenheit. Ein symbolischer Akt, der über die Jahrhunderte zurückführte ins frühchristliche Karthago. Dort, in der Nähe des heutigen Tunis, war vor einiger Zeit die „Basilika von Douimes“ freigelegt worden, und aus einem Pfeiler dieser Kirche aus dem 6. Jahrhundert stammte der Grundstein von St. Oliver. Am 4. Adventssonntag 1975, bei der feierlichen Grundsteinlegung, umschritt Generalvikar Adalbert Sendker den Fundamentsraum der künftigen Kirche von Laatzen-Mitte und besprengte ihn mit Weihwasser. Er segnete die Stelle, an der der Altar stehen würde. Neben Münzen und Zeitungsausschnitten wurde eine Urkunde in eine Kupferrolle eingelötet, die in eine Aussparung hinter dem Grundstein versenkt wurde. In den Monaten darauf entstand in der Pestalozzistraße das, was die HAZ später „einen der schönsten Sakralbauten in unserem Raum“ nennen sollte – die katholische St.-Oliver-Kirche, geplant vom hannoverschen Architekten Wolfgang Rauck.
In dem riesigen Baugebiet, das in den vergangenen Jahren in Laatzen-Mitte entstanden war, entwickelte sich zu dieser Zeit eine neue Gemeinde. Im Oktober 1975 lebten von etwa 3300 Katholiken der Stadt rund 1800 in Laatzen-Mitte. „Man rechnet damit“, hieß es damals in einem Pressebericht, „dass sich die Zahl in den nächsten zehn Jahren verdoppeln wird.“ Mit Pater Vianney Kahlig war schon vor dem Bau von St. Oliver ein eigener Seelsorger für Laatzen-Mitte eingesetzt. Es war klar, dass die Alt-Laatzener Kirche St. Mathilde, zu deren Gemeinde Laatzen-Mitte gehörte, für alle Katholiken der wachsenden Stadt auf Dauer zu klein sein würde. Die Katholiken versammelten sich in Laatzen-Mitte zunächst im Kontaktzentrum der evangelischen Thomasgemeinde, später in der Albert-Einstein-Schule.
Es herrschte allgemeine Aufbruchsstimmung: Viele Gemeindemitglieder waren neu zugezogene, junge Familien. Schon vor der Kirchweihe arbeitete eine engagierte Redaktion an einem eigenen Gemeindeblatt mit dem Titel „Oliver kommt“. Darin wurde neben vielen anderen Aktivitäten ganz im Geist der siebziger Jahre, der Zeit nach dem Konzil, auch ein „Diskussionskreis“ mit Pfarrer Michael Thelen angekündigt, bei dem „über alle Fragen, die uns Christen heute interessieren“ geredet werden sollte.
Bereits Jahre vor dem Baubeginn legte man Erlöse vom Pfarrfest in St. Mathilde für das große Projekt beiseite – schließlich musste die Gemeinde sich mit 80 000 Mark an den reinen Baukosten beteiligten, die nach damaligen Presseberichten am Ende mit etwa 3,5 Millionen Mark zu Buche schlugen. Dazu trug die Mathilden-Gemeinde die Kosten für die Inneneinrichtung.
Gut anderthalb Jahre nach der Grundsteinlegung, am 27. August 1977, 15 Uhr, konsekrierte Bischof Heinrich Maria Janssen die neue Kirche. Vom Gemeindesaal aus zog eine feierliche Prozession zur Kirche, und der Bischof klopfte dreimal mit seinem Hirtenstab an die Tür, um symbolisch Einlass für die Gemeinde zu erbitten. „Möchte der Tag der Kirchweihe und die Zeit des Neubeginns einer christlichen Gemeinde in Laatzen für viele ein Anruf, ein Weckruf sein,“ schrieb der Bischof damals an die Gemeinde, „und möchten so wieder viele Kontakt nehmen mit Kirche und Gottesdienst, die vielleicht in der zurückliegenden Zeit die Verbindung verloren hatten.“ Am Tag darauf, einem Sonntag, feierte die Gemeinde – sie hieß immer noch St. Mathilde, der Pfarrsitz wurde erst am 1. Januar 1982 nach St. Oliver verlegt, als auch St. Josef als Filialkirche eingegliedert wurde – ihr Pfarrfest zum ersten Mal in Laatzen-Mitte. Mit Erbsensuppe aus der Gulaschkanone, einem Platzkonzert der Feuerwehr und Ponyreiten für Kinder.

 

Altarraum in St. Oliver

 

 

 

 

 

Unser Kirchenpatron hl. Oliver Plunkett

Wer ist eigentlich Oliver Plunkett?

Der Patron unserer Pfarrkirche St. Oliver, Oliver Plunkett (1625 - 1681), war Erzbischof, Märtyrer und Heiliger.

Für die damalige Pfarrgemeinde St. Mathilde galt es, einen Patron für die neue Kirche in Laatzen Mitte zu finden. Was war der Anlass, im Jahre 1977 den Neubau in der nach der Gebietsreform 1974 zur Stadt erhobenen Gemeinde Laatzen einem irischen Bischof und Märtyrer zu widmen?

Hierfür hilft ein Blick zurück in die Zeit von Oliver Plunkett, dem mittelalterlichen England.

In der Schule haben wir gelernt, dass Heinrich der Achte (1509-1547) sechs (Ehe-)Frauen hatte. Und im Gegensatz zur landläufigen Meinung hat er weder acht noch sechs sondern „nur“ zwei von ihnen hinrichten lassen. Kirchenpolitisch viel wichtiger als die amourösen Abenteuer des achten Heinrichs sollte sich die Sezession von Rom auswirken. Der zunächst papstfreundliche Herrscher ließ es zum Bruch mit dem Papst kommen, als dieser unter dem Druck des Kaisers Karl V. sich weigerte, die (erste) 1509 mit Katharina von Aragonien geschlossene Ehe für nichtig zu erklären. Kein Wunder, denn sie war die Tante des Kaisers und stand somit unter seinem Schutz.

Heinrich kündigte nicht nur für sich den Gehorsam gegenüber Papst und Kirche auf sondern machte dies allen seinen Untertanen zur Pflicht. Damit das Ganze einen Hauch von Legalität bekam, verabschiedete das Parlament 1534 ein Gesetz, welches unter der Bezeichnung Suprematsakte in die Geschichtsbücher einging. Nach der Annahme dieses Gesetzes proklamierte sich Heinrich zum Oberhaupt der Kirche von England und forderte von jedem Geistlichen und Staatsbeamten den so genannten Suprematseid. Mit diesem Eid wurde die kirchliche und weltliche Oberhoheit des englischen Königs anerkannt, wobei die Verweigerung mit Enteignung und der Todesstrafe bedroht wurde.

Unter dem Vorwand, den „Aberglauben“ ausrotten zu müssen zog der König das Vermögen und Eigentum von etwa 645 Bischofssitzen und Klöstern ein und machte somit durch die Säkularisation eines der größten Geschäfte der damaligen Weltgeschichte.

Zum Suprematseid kam später die so genannte Testakte. Nun hatten die Untertanen auch noch ausdrücklich zu beschwören, dass sie nicht mehr an die Verwandlung von Brot und Wein in Christi Leib und Blut glaubten, dass sie weder die Muttergottes noch die Heiligen insgesamt der Verehrung für würdig hielten, vor allem aber, dass das Messopfer nichts als „Götzendienst“ sei. Außerdem hatten sich die zum Schwur geladenen binnen drei Monaten am anglikanischen Abendmahlstisch einzufinden und so ihre „Rechtgläubigkeit“ öffentlich darzutun. Die Testakte sah für katholische Christen noch eine besondere Strafe vor: den Ausschluss von allen öffentlichen Ämtern.

Doch nun zu Oliver Plunkett. Als dieser sein Bistum Armagh (heute in Nordirland) und die Kirche von Irland regierte, war die grüne Insel mehr oder weniger von den Engländern erobert oder besetzt oder mit dem englischen Königshaus in einer Art Personalunion verbunden. Oliver Plunkett ging 1647 nach Rom, um dort Theologie zu studieren. Er wurde dort 1654 zum Priester geweiht und am 9. April 1669 als 46jähriger zum Erzbischof und Primas von Irland ernannt. Die Bischofsweihe empfing er hinter verschlossenen Türen in der bischöflichen Hauskapelle des Bischofs von Gent in Belgien am 30.11.1669 und kehrte dann über London erst 1670 anonym, wie er meinte, als „Hauptmann Brown“ zurück in seine Heimat, um im Geheimen sein priesterliches Amt anzutreten.

Am 6. Dezember 1679 wurde er als angeblicher Teilnehmer einer den Jesuiten unterstellten Verschwörung in Dublin verhaftet. Aus Mangel an Beweisen sprach ihn ein irisches Gericht frei. Doch um ein Exempel zu statuieren, wurde Oliver Plunkett rechtswidrig nach London gebracht und erneut vor ein englisches Gericht gestellt.

Mittels falschen Zeugenaussagen der Schuldspruch gesprochen schnell gesprochen. Auf Entlastungszeugen aus Irland wurde erst gar nicht gewartet.

Bezeichnend für die Geisteshaltung der damaligen Zeit ist, was der Lordoberrichter bei der Verkündigung des Urteils zu sagen hatte: “Der Grund Eures Verrates ist in Eurer falschen Religion zu suchen, die Gott wie kaum etwas anderes in dieser Welt missfällt. Es ist eine Religion, die zehnmal schlimmer als jeder heidnische Aberglaube ist, denn sie erdreistet sich, Gottes Gesetze außer Kraft zu setzen und dann den Gesetzesbrechern noch Vergebung zu spenden. [Gemeint ist das Sakrament der Buße; Anm. d. Verf.] Ich bin traurig dass Ihr auf den Grundsätzen einer solchen Religion beharrt“.

In mittelalterlicher Manier wurde Oliver Plunkett „sanft gehängt“, so dass man ihn noch lebend aufschlitzen konnte, um seine Eingeweide ins Feuer zu werfen. Danach wurde der Tote enthauptet und anschließend gevierteilt.

Einer ihm bekannten Familie in London gelang es, den zerstückelten Leib zur Bestattung zu bekommen. Der Sarg wurde mit einer Kupferplatte bedeckt, auf der in der Übersetzung geschrieben stand:

“In diesem Grab ruht der Leichnam des Hochwürdigen Herrn Oliver Plunkett, Erzbischof von Armagh und Primas von Irland. Er wurde aus religiösem Hass von lügnerischen Zeugen des Hochverrates angeklagt. Herz und Eingeweide wurden ihm aus dem Leib gerissen und ins Feuer geworfen. Er ertrug das Martyrium mit Standhaftigkeit und starb am 1. Juli 1681 [nach julianischem Kalender, nach dem gregorianischen am 11. Juli 1681; Anm. d. Verf.] unter der Regierung König Karl II.“

Zur Sicherheit brachten englische Benediktiner, deren Orden Oliver Plunkett im Kerker beigetreten war, sich und die sterblichen Überreste in das Bistum Hildesheim nach Lamspringe.

Doch die Säkularisierung in Deutschland zwang die englischen Benediktiner Lamspringe wieder zu verlassen. Elf Jahre nach ihrer Vertreibung aus Lamspringe gründeten sie das Kloster Downside in Wiltshire. Zurück blieb der Sarkophag und einige Reliquien.

Im Jahr 1920 wurde Oliver Plunkett von Papst Pius XI. selig und am 12. Oktober 1975 von Papst Paul VI. heilig gesprochen. In diesem Jahr entdeckte der damalige Bischof Heinrich Maria Janssen mit einer Pilgergruppe in einer Kirche, die dem hl. Joachim geweiht ist, ein Fresko mit dem Porträt des Märtyrers Oliver Plunkett. Vermutlich war dieses der Auslöser für die Wahl des hl. Oliver als Patron für unsere Pfarrkirche, die Kirche in Groß-Rhüden und die der Gemeinde Altenau im Harz. Die Gemeinde hatt sich am 26.9.1975 für Oliver Plunkett als Namenspatron ausgesprochen.

Seit 1920 findet alljährlich in Lamspringe eine Oliver-Plunkett-Feier statt, an der sich Pilger aus dem ganzen Bistum Hildesheim beteiligen. Eine Gruppe von Frauen und Männern aus unserer Pfarrei machen sich am letzten Wochenende im August in einer nächtlichen Pilgerreise zu Fuß auf, die etwa 50 km weite Strecke nach Lamspringe zu bewältigen.

[Karl Hinze unter Verwendung nachfolgender Literatur, eigener Recherchen und Aufzeichnungen]

[Josef Nowak: Oliver Plunkett; Bernward Verlag 1975]
[F. Donelly, Until the Storm Passes. St. Oliver Plunkett. The Archbishop who refuses to go away, 1993]
[A Dictionary of Irish Biography]
[Martin Wallace, 100 Irish Lives]